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Schnellster Mann auf Papier: Zum 60. von Michel Vaillant

 

Vroooooom. Nüchterne Menschen mögen einwenden, dass hoch gezüchtete Motoren in Wirklichkeit ganz anders klingen. Aber wenn sich so ein Buchstabengebilde wie ein Kometenschweif über rasenden Boliden durch ein Bild zieht, dann meint man fast das Dröhnen zu hören und das scharfe Aroma von Gummi und Öl zu riechen. Das vermag die suggestive Kunst des Jean Graton, der vor gut 60 Jahren einen für die damalige Zeit unerhörten Einfall hatte. Statt eines makellosen Helden in einer fiktiven Welt, schuf der Zeichner mit seiner Hauptfigur Michel Vaillant einen recht menschlichen Rennfahrer, dessen Abenteuer auf und abseits der Piste hinter die Kulissen und die Kultur des Rennsports führen und nebenbei viel Wissenswertes vermitteln. Die Entwicklung dieser Serie verläuft tatsächlich wie eine Chronik des Motorsports seit der goldenen Ära der fünfziger Jahre bis heute mit der wachsenden Popularität der elektrischen Formel E.

Als Jean Graton Filmstar Steve McQueen am Rande der Dreharbeiten zu "Le Mans" 1970 eines seiner Hefte zeigte, wusste der Amerikaner, der diesen großen Motorsportfilm schuf, nicht, was es mit diesem Comic auf sich haben sollte. Michel Vaillant begleitete Generationen von Motorsportlern durch deren Kindheit. Rennfahrer wie Jackie Ickx sind mit dem 94-jährigen Graton eng befreundet, auch Fahrer vom Schlag eines Alain Prost oder Ayrton Senna übernahmen gerne eine gezeichnete Gastrolle. Zumindest nach der Papierform war ihnen Vaillant durchaus ebenbürtig: Formel 1-Weltmeistertitel wie Siege bei Langstreckenklassikern in Le Mans, am Nürburgring oder in Indianapolis, dazu häufige, oft erfolgreiche Ausflüge zur Welttourenwagenmeisterschaft und zu Rallyes wie der Dakar. Ihm zu Ehren gingen im Jubiläumsjahr 2017 in Le Mans sogar die LMP2-Prototypen Oreca 07 von Rebellion Racing mit dem legendären Logo von Team Vaillante an den Start.

Zum Kosmos von Jean Graton gehören neben Fixstern Michel auch Bruder Jean-Pierre, der Tüftler, die Eltern Elisabeth und Henri, Freund und Rennstallgefährte Steve Warson sowie zeitweise die amerikanische Motorradrennfahrerin Julie Wood, der Graton vor ihrem Einstieg in die Vaillant-Serie eine eigene Serie gewidmet hatte. Über die Jahre gesellte sich ein Schurke namens Leader dazu, der für die Vaillants etwa das ist, was Bösewicht Blofeld für James Bond. "In den frühen Jahren war Graton durch seine starke Einbeziehung der Realität bekannt. Früher als andere führte er auch filmische Elemente in die Comics ein. Auch dass er seine Serie wie eine Seifenoper aufbaute, war ungewöhnlich", sagt Gerhard Förster. Er ist Herausgeber des österreichischen Magazins "Sprechblase" und verantwortlich für die redaktionellen Texte, die jeden Vaillant-Band begleiten. "Gratons Religion ist die Familie. Seine Schilderung des Vaillant-Familienlebens war so intensiv, dass sie in meiner Pubertät einmal friedensstiftend wirkte, als ich mit meinen Eltern zerkracht war." Förster begeistern auch Comic-Innovationen wie eine Perspektive auf das Renngeschehen wie aus Sicht der Helmkamera in Bänden aus den siebziger Jahren - lange bevor dieser Service fürs TV-Publikum eingeführt wurde.

Ähnlich den Vaillants, drehte sich bei der Familie Graton alles um die Kultfigur. Bis zu Band 56 zeichnete Graton allein für den Inhalt verantwortlich, unterstützt von Zeichnern, die für Autos und Hintergründe zuständig waren. Danach holte er infolge gesundheitlicher Probleme seinen Sohn Philippe als Co-Autor ins Boot, der die Serie zunehmend übernahm. Nach Band 64 schied Jean Graton aus, Philippe machte bis Band 70 weiter. Danach war Pause. Ab 2012 hatte das mehrjährige Ausharren der Fangemeinde ein Ende: Sohn Philippe führte die Tradition mit einem neuen Team als "zweite Staffel" und neuer Nummerierung weiter und hat in den nächsten Bänden mit realistischerer Ästhetik und neuen Themen natürlich nicht nur für Jubel unter den Eingeschworenen gesorgt.

Anders als transatlantische Superheroes, kommt halt auch ein Michel Vaillant in die Jahre. Er hat nun selbst eine Familie und einen Sohn, der in seinen Rennoverall schlüpft. Förster wurde jedenfalls von den neuen Inhalten überzeugt. Sein einziger Kritikpunkt ist, dass der neue Hauptzeichner Marc Bourgne es mit der Ähnlichkeit zum Gratonschen Figurenensemble nicht sehr genau nimmt. Zwischen fanden übrigens Jean Graton und sein Team in all den Jahren auch immer wieder Zeit für weitere Comicserien, wie die Julie Wood oder die Dossiers Michel Vaillant. Hierbei handelt es sich um dokumentarische Bände, die etwas zur Hälfte aus Comics bestehen und Persönlichkeiten und Marken der Automobilgeschichte wie zum Beispiel Louis Chevrolet gewidmet sind. Ende Januar erscheint das sechste Abenteuer der "zweiten Staffel".

Als Jean Graton Michel Vaillant erfand, arbeitete er für das Magazin "Tintin", dass neben den berühmten Helden Tim und Struppi auch Platz für alle möglichen anderen gezeichneten Protagonisten bot. Es muss etwas an Belgien sein, das Champions auf vier und zwei Rädern herbrachte und epochale Zeichner wie Tintin-Schöpfer Hergé. Von ihm hat Landsmann Graton für die ersten Bände wie "Die große Herausforderung", "Der Fahrer ohne Gesicht" oder den besonders gelobten Band 9 "Steve Warsons Rückkehr" die Gründlichkeit der Ausarbeitung übernommen sowie die sogenannte Ligne claire eingesetzt, die auf Schraffuren und Schattierungen verzichtete. Dass viele der Geschichten nicht nur filmisch-dynamisch wirken, sondern wie berühmte Motorsportfotos, lag an Gratons Arbeitsweise, die ihn mit seiner Kamera im Gepäck weg vom Zeichentisch hin zu den berühmten Rennstrecken und ihren Akteuren führte. Akribisch werden legendäre Kursverläufe wie in Spa oder Jarama für den Leser nachgezeichnet und erklärt. Die Abbildungen der Boxengassen und ihrer Ausstattungen sind liebevoll detailreich illustriert und geradezu von dokumentarischem Wert.

Die Alben von Michel Vaillant haben sich millionenfach verkauft, aber die meisten treuen Fans stammen doch aus Frankreich und Belgien. Die deutsche Verlagsgeschichte verlief ungefähr so wechselhaft wie die Karriere des Rennstalls Vaillante. Heute erscheinen die Bände als Zack-Edition im Verlag Mosaik und erreichen pro Album eine verkaufte Auflage von rund 1.200 Heften. Eine erstaunlich niedrige Zahl, wenn man bedenkt, wie populär der Motorsport hierzulande ist. Natürlich gibt es auch die Vaillant-Puristen, die sich lieber die in hoher Qualität gedruckten Neuauflagen der alten Hefte kaufen und Neuerungen mit Argwohn betrachten. Es gab zwar auch in den USA und Japan Versuche, Motorsportgeschichten als Comic zu erzählen, aber sie konnten auf ihren Märkten nie wirklich überzeugen überzeugen. Auch eine original Michel Vaillant-Zeichentrickserie reichte nie an die bunten Bände heran, ebenso wenig wie der Versuch von Luc Besson ("Im Rausch der Tiefe") im Jahr 2002 mit "Michel Vaillant" Fans in die Kinos zu locken.

Für diesen Film durfte sich der Held sogar in eine höchst reale Lola B98 setzen, denn obwohl sich Michel in seinem Pilotenleben gegen Porsche, Ferrari, Ford & Co durchsetzen musste, zeichnete ihm der Rennstall Graton stets ein maßgeschneidertes Auto wie beispielsweise den Vaillante Commando, den GT3, den Mystère oder die Panamericana, die mal subtile Züge eines Lancia Stratos, einer Chevrolet-Limousine oder eines Lamborghini Countach tragen. Selbst der namhafte belgische Autodesigner Luc Donckerwolke, der für Bentley, Lamborghini und Audi gearbeitet hatte, offenbarte sich als Fan und entwarf für den Genfer Salon 2006 einen Seat Ibiza Vaillante. Das würde Jean Graton gefallen: Bei Michel Vaillant verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit wie das Flimmern der Hitze über dem Asphalt.

Text: Alexandra Felts/SP-X
Fotos: Jean Graton/SP-X

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