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Seat: 60 Jahre Kleinwagen

 

Ibiza, das klingt nach Sonne, Spanien – und schicken Cityflitzern aus Barcelona. Tatsächlich steht der kleine Ibiza für das Seat-Modell, mit dem sich die heutige VW-Tochtermarke 1984 endgültig von der anfangs alles bestimmenden Übermutter Fiat trennte. Seit fünf Generationen und in über fünf Millionen Einheiten sorgt der Ibiza inzwischen für die iberischen Momente auf Europas Straßen. Allerdings war dieser flotte Spanier nicht der erste Seat, der es zum Exporterfolg brachte. Dieses Kunststück gelang bereits einer Kopie, dem seit 1957 in Fiat-Lizenz gebauten Seat 600.

Nachdem der vom Volksmund liebevoll Pelotilla („Bällchen“) genannte rundliche Heckmotor-Zwerg die Massenmotorisierung zwischen Costa Brava und Costa del Sol bewältigt hatte, wurde er mit Fiat-Logos in rund 20 Länder verschifft. Darunter war auch Deutschland, wo er 1970 unter der Bezeichnung Fiat 770 S den gerade verblichenen Fiat 600 ersetzte. Der erste Seat, der unter eigenem Namen in Deutschland debütierte, faszinierte die Fachwelt auf der Frankfurter IAA 1977 im extravaganten Coupékleid als 1200 Sport Bocanegra.

Auch den sieben Jahre später lancierten Ibiza verband Essenzielles mit Deutschland. Geradezu stolz prangte auf dem Motor der Schriftzug „System Porsche“ und Karosseriespezialist Karmann war Kooperationspartner für die Entwicklung von Fahrgastzelle und Fertigungswerkzeuge des designierten Bestsellers. Tatsächlich trug der Erfolg des Ibiza entscheidend dazu bei, dass Seat wenig später den Weg unter das Dach von Volkswagen fand. Beste Basis für weitere kleine Hoffnungsträger, so wie heute zum 60. Seat-Citycar-Jubiläum der Arona als erster kleiner Crossover des VW-Konzerns.

Dass Seat einmal mit Modellen wie Mii, Ibiza und Arona zu den Fixsternen am europäischen Kleinwagenhimmel zählen würde, wagten im heißen Sommer des Jahres 1957 nicht einmal die Utopisten unter den Wirtschaftsexperten zu träumen. Zu holprig war der Anfang des Unternehmens. Obwohl die schnelle Motorisierung des Heimatmarktes erklärtes Ziel der 1950 gegründeten Marke war, rollte zunächst nur der relativ kostspielige Seat 1400 in Fiat-Lizenz vom Band. Als Fiat schließlich auch den kleinen Typ 600 zur Lizenzproduktion freigab und am 27. Juni 1957 in Barcelona die ersten Seat 600 zur Auslieferung bereitstanden, wurde der kleine Viersitzer wie ein Volksheld gefeiert.

Nicht einmal die bis zu fünf Jahre lange Lieferzeit konnte die Bestelleingänge bremsen, denn der automobile Winzling bewirkte eine gesellschaftliche Revolution. Galt der Seat „Pelotilla“ für die Spanier unter dem damaligen Staatschef und Diktator Francisco Franco doch als wichtiges Symbol für neugewonnene Mobilität und Freiheit. Mit dem ersten bezahlbaren Auto wurde der Sonntagsausflug zum nationalen Ritual, das ab den 1960er Jahren in viertüriger Form noch stilvoller zelebriert werden konnte.

Viertürige Limousinen mit miniaturhaften 3,29 Meter Länge, diese Kunst des Karosseriebaus beherrschten bis dahin nur japanische Kei-Car-Spezialisten. Seat popularisierte die Idee des bequemen Fondeinstiegs in Europa gleich durch eine ganze Palettte solcher Familien-Minis, die auf dem Heimatmarkt auch als City-Taxis taugten. Auf den 600 D Sedan folgten deshalb Seat 800, 850 und schließlich der Seat 127 als erster spanischer Millionenerfolg. Durch diese Viertürer differenzierten sich die Katalanen erstmals klar von der italienischen Lizenzgeberin. Tatsächlich gefielen die eigenwilligen Karosseriekreationen in Turin so gut, dass Fiat verschiedene Seat-Modelle unter eigenem Namen ins Vertriebsprogramm aufnahm und in ganz Europa verkaufte. So führte in Finnland über mehrere Jahre der Seat 600 alias Fiat 770 die Zulassungsstatistik an.

Für mehr Klasse und Rasse sorgten aufregende Coupés und Cabrios von der Costa del Maresme. So kündeten die eigenständigen Modelle 750 Sport (ab 1959) und 600 Milton Spider (ab 1967) von der Kreativität der Designer in den Seat-Studios. Allerdings blieb es dabei, dass Fiat-Lizenzen wie 850 Coupé und Spider auf größere Stückzahlen kamen. Voll ins Schwarze traf dann der Seat 1200 bzw. 1430 Sport. Diese Coupés mit mattschwarzer „Bocanegra“-Kunststoffnase standen in unmittelbarem Wettbewerb zu der zeitgleich lancierten Fiat-Berlinetta-Lizenz Seat 128 3P. Zwar war auch der Bocanegra in den Stückzahlen unterlegen, als internationaler Botschafter für die Marke Seat leistete er jedoch Pionierarbeit.

Ende der 1970er Jahre verfügte fast jeder zweite spanische Haushalt über ein Auto und die Hälfte zeigte das Seat-Signet. Als Kleinwagenspezialist übernahm Seat das Werk des Konkurrenten Authi und stieg anschließend mit fast einer Milliarde Dollar Umsatz zum achtgrößten europäischen Automobilhersteller auf. Ebenso überraschend wie in manchen scheinbar glücklichen Ehen kam es 1980 zur Trennung von Fiat. Die Italiener entschlossen sich Seats Kapitalerhöhungspläne für eine Restrukturierung nicht mitzutragen und veräußerten alle Anteile. Seat stürzte in eine schwere Krise, war man doch gezwungen in kürzester Zeit eine komplett eigenständige Produktpalette aufzubauen und für die Entwicklung im Exportgeschäft einen Partner zu finden.

Zum Retter in der Not wurde der Volkswagen-Konzern, der mit dem Autobauer aus Barcelona kooperierte bis es 1990 zur Übernahme kam. Natürlich war es ein Kleinwagen, der Seats Wiederaufstieg aus der Asche ermöglichte. Giorgetto Giugiaro, der Designer des Golf, zeichnete den Ibiza, der ab 1984 zum wichtigsten Standbein des Unternehmens wurde. Heute, fünf Generationen und über fünf Millionen Einheiten später, erhält der Ibiza Unterstützung durch den Arona, mit dem der VW-Konzern spät, aber siegessicher auf Kaperfahrt geht im Meer der kleinen City-Crossover.

Es ist nicht das erste Mal, dass Seat die Vorreiterrolle im VW-Markenportfolio übernimmt. Auch der 1997 lancierte Arosa leistete Pionierarbeit. Als Nachfolger des Seat Marbella – einer spanischen Version des Fiat Panda – bereitete der Seat Arosa den Boden für eine neue Klasse von Kleinstwagen. Billig genügte nun nicht mehr, gefragt war Effizienz in eleganter Form. Als der Arosa-Zwillingsbruder VW Lupo 3 L TDI 1999 für Schlagzeilen sorgte mit einem eher praxisfremden Normverbrauchswert von 2,99 Litern auf 100 Kilometer, legte Seat nach. Mit einem Durchschnitt von 3,18 Litern bewältigte ein serienmäßiger Arosa 1.4 TDI die 6.367 Kilometer lange Distanz vom Nordkap nach Tarifa in Südspanien. Beendet wurde das Duell unter Brüdern dann durch die von Wolfsburg verfügte ersatzlose Produktionseinstellung des Arosa. Zur Neuauflage dieser Rivalität kam es erst mit dem 2011 vorgestellten Seat Mii, der sich mit dem VW up und auch dem Skoda Citigo misst.

Was wäre Spanien ohne die Glut des Südens? Für das feurige Temperament bei Seat steht deshalb seit gut 20 Jahren der Ibiza Cupra. Ebenso wie die anderen Seat-Cupra-Typen weckt er Emotionen, die Seat ebenso begehrenswert machen sollen wie Alfa Romeo. Und dies sogar als Kleinwagen, den wahren Helden des südeuropäischen Alltags.

Text: Wolfram Nickel/SP-X
Fotos: Seat/SP-X

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