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Nokian drängt nach Europa: Von wegen „die spinnen, die Finnen ...“

 

Exotisch, extrem, expandierend: Drei Attribute, die auf einen Reifenhersteller aus Finnland zutreffen, der sein Geschäftsumfeld immer mehr von Skandinavien und Russland zusätzlich nach Mitteleuropa ausweiten möchte. Nokian gilt in erster Linie als ausgesuchter Spezialist in Sachen Winterreifen und darüber hinaus als der – nach eigenem Duktus – „einzige Reifenhersteller der Welt, der sich auf die Entwicklung von sicheren Reifen, die nordischen Bedingungen standhalten“, konzentriert. Die Finnen sind seit mehr als 80 Jahren auf dem Markt, galten aber bei uns lange als eine Art verkanntes Mauerblümchen oder vergessener Geheimtipp unter den Premium-Anbietern.

Ein Status Quo, der sich in Zukunft allerdings zunehmend weiter ändern soll. Denn mittlerweile hat Nokian den mitteleuropäischen Markt immer mehr ins Auge gefasst und nach eigenen Angaben dort bereits mehr Reifen abgesetzt als in den nordischen Ländern. Um das, so ein Unternehmenssprecher „vorhandene Potenzial in Mitteleuropa weiter zu nutzen“, wolle man die eigenen Produkte noch stärker als bisher im Verdrängungswettbewerb positionieren. Der skandinavische Hersteller hat sich zudem für dieses Vorhaben prominenter Hilfe versichert: Der ehemalige, zweifache Formel-1-Weltmeister Mika Häkkinen und finnischer Landsmann des Hauses, wird als Markenbotschafter von Nokian Tyres mit seinem Namen und seinen Erfolgen für Nokian Tyres stehen.

Im verschneiten Salzburger Land hat der Reifenhersteller derzeit seine neueste Entwicklung, einen Reifen für hochmotorisierte Fahrzeuge der Ober- und Luxusklasse, auf einem Testgelände des österreichischen Automobil-Motorrad- und Touringclubs (ÖAMTC) unter extremen Bedingungen vorgestellt. Der sportliche Nokian WR A4 löst nach fünfjähriger Entwicklungs- und Erprobungszeit in Bezug auf Design und Material den WR A3 ab. Waren dem Vorgänger bereits exzellente Nässe- und Trockeneigenschaften zugstanden worden, so lag das Augenmerk der Entwickler beim WR A4 vor allem darauf, die winterlichen Fahreigenschaften des Pneus zu verbessern.

Die Finnen haben sich dabei viele kleine Details bei der Auslegung des asymmetrischen, nicht laufrichtungsgebundenen Reifens einfallen lassen, die in Summe eine exzellente Antwort auf die wechselhaften Winter in unseren Breitengraden geben. In Struktur und Anordnung der Lamellen, einer Weiterentwicklung der Silica-Gummimischung sowie des Aufbaus der Rillen und Seitenwand hat sich gegenüber dem Vorgängermodell vieles verändert. Der Nokian WR A4 machte bei den extremen Herausforderungen auf Schnee und Eis, auf künstlich geschaffenen steilen, vereisten Anstiegen oder auf der nassen „Rüttelplatte“, die als „Scharfrichter“ bei Reifenbewertungen gilt, bei unseren Testfahrten auf verschiedenen Modellen einen sehr guten Eindruck.
Nokian wird den neuen Winterreifen in insgesamt 52 verschiedenen Dimensionen bis zu einer Höchstgeschwindigkeit von 270 km/h auf den Markt bringen. Hinzu kommen noch sieben Flatrun-Versionen, also Reifen mit Notlauf-Eigenschaften. Vom Erfolg des neuen Produktes wird viel vom angestrebten Ausbau des Geschäftsfeldes der Finnen abhängen. In Skandinavien und Russland sind die Winterreifen-Experten mit Abstand Marktführer. Doch das Unternehmen will zunehmend global denken und handeln. Bereits im vergangenen Jahr wurden in 59 Ländern Nokian-Reifen verkauft. Dabei betrug der Anteil der verkauften Winterreifen 73 Prozent.

Bisher verkaufte der nördlichste Reifenhersteller der Welt seine Produkte in erster Linie im Aftermarket. Das Bestreben ist es jetzt, sich auch im Erstausrüstungsgeschäft prominenter zu positionieren. Und das nicht nur in der nordischen Heimat, sondern auch und vor allem in Mitteleuropa.

Text und Fotos: Jürgen C. Braun

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