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Bücher 2015 – Ein Rückblick

 

DIE Auswahl fällt wirklich schwer! Aber allen Neuerscheinungen am Buchmarkt (auch denen, die wir hier nicht erneut berücksichtigt haben) gilt eine beruhigende Beobachtung: Das Buch als Medium, das Lesen als Vergnügen ist – entgegen immer wieder anderslautender Prognosen – unverändert aktuell. Dora Heldt war lange auch beruflich engagierte Leserin (als Buchhändlerin und Verlagsvertreterin), bevor sie zum Schreiben kam. Inzwischen ist das ihre zweite berufliche Identität, denn als Verlagsvertreterin ist sie nach wie vor unterwegs. „Wind aus West mit starken Böen“ greift einmal mehr den Alltag mit seinen Tücken und Unvorhersehbarkeiten auf: Wie ist das, wenn man eigentlich im Leben angekommen ist (es jedenfalls glaubt) und das Wiedersehen mit einer Jugendliebe einem alles durcheinanderwirbelt, auch wenn man gerade das so gar nicht gebrauchen kann? Und das schon gar nicht will? Fein beobachtet, ohne übermäßige Sentimentalitäten, typisch Heldt.

Mussten Sie irgendwann im Leben schon einmal den Notarzt rufen? Und haben sich vielleicht gewundert, dass er (oder sie) sehr gehetzt wirkte? Korrekt diagnostizierte, das richtige Medikament spritzte oder verschrieb, aber auch schon wieder weg war? Das wird Sie nicht mehr wundern, wenn Sie Falk Stirkats Aufzeichnungen lesen. Er hat als Arzt im Noteinsatz sicher öfter das Bedürfnis, sich vierzuteilen, weil so viele Notfälle zu versorgen sind. Manchmal stellt sich’s als harmlos heraus – wenn etwa eine Frau bloß ihre verordneten Schlaftabletten weisungsgemäß nahm, aber darüber ihre Familie nicht informierte, der herbeigeführte Schlaf also seinen Sinn hatte. Oft genug aber kommt der Notarzt auch an Grenzen, die ihm zeigen: Manchmal ist keine Hilfe mehr möglich. Sehr bewegend.

Notfälle ganz anderer Art waren es, die das Leben von Oliver Sacks prägten. Der 1933 geborene Neurologe gehörte zu den wenigen seines Fachgebietes, die dessen Inhalte absolut anschaulich einem Laien erklären konnten – und spannend obendrein. Ein Augenblick genüge, sagte er sinngemäß, und man sei quasi von jetzt auf gleich in einer völlig anderen Welt. Nur konsequent, dass seine Bücher Titel trugen wie „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“. Über sein Leben gab Sacks nur wenig preis, bis er seine Autobiographie vorlegte, nur Monate vor seinem Tod 2015. Und die war nicht weniger aufregend als seine anderen Werke. Und Sacks blieb sich schon im Titel treu: On The Move – Mein Leben.

Wie sind unsere Eltern bloß ins Internet gekommen, als es noch keine Computer gab? Keine Frage, ein Leben ohne PC und World Wide Web ist heute nicht mehr vorstellbar. Die Vorteile sind schnell genannt, rascher Informationsaustausch, flinke Korrespondenz und andere, aber die Tücken werden vielleicht erst nach und nach erkennbar. So ist es Victoria Schwartz ergangen. Die allein erziehende Mutter zweier kleiner Kinder freundete sich in einem Chat mit einem Mann an, es schien eine Liebe daraus zu werden – bis sich herausstellte: Den Mann gab es gar nicht. Wohl gab es jemanden, der das Profil unterhielt und auch die Korrespondenz führte. Aber das war jemand ganz anderes. Aus der Traum von der sich anbahnenden Partnerschaft, so verständlich er in Schwarz‘ Situation war. Ein sehr mutiges Buch, das an manchen Stellen fassungslos macht. Die Daten:

Dora Heldt: Wind aus West mit starken Böen. Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv); 15,90 Euro.
Falk Stirkat: Ich kam, sah und intubierte. Schwarzkopf und Schwarzkopf Verlag; 9,99 Euro.
Oliver Sacks: On The Move. Mein Leben. Rowohlt Verlag; 24,95 Euro.
Victoria Schwarz: Wie meine Internetliebe zum Albtraum wurde. Blanvalet Verlag; 12,99 Euro.

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