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Quartett Infernal: Motorrad-Weltrekorde in Nardò 1981 (1/2)

 

Am 25. und 26. Oktober 1981 baut ein gutes Dutzend Menschen inmitten des Hochgeschwindigkeitsovals von Nardò/Apulien Zelte, Reifenstapel, Werkzeug, eine Schnelltankanlage, Stühle, Tische und Messapparaturen auf. Zwei identische, voll verkleidete 120 PS starke Suzuki GSX 1100/"Katana" in Weiß mit wenigen Sponsoren-Stickern sind aufgebockt. Zwei Herren des obersten Motorradsport-Weltverbandes FIM, beäugen und vermessen die Maschinen, machen sich Notizen, geben beiden Rennern ihren Segen: Sie sind für die anstehenden Weltrekordversuche homologiert. Außer offenen Vergasern und Auspufftüten sind die Maschinen serienmäßig, von Winfried Reinhard, einem Ludwigshafener Suzuki-Händler, in Topp-Zustand angeliefert. Das ganze Szenario wurde von der Fachzeitschrift "Motorrad" initiiert: 5 bestehende Weltrekorde aus dem Jahr 1977, von US-amerikanischen Piloten im Oval von Daytona auf einer Kawasaki gefahren, sollten gebrochen werden.

Die Szene wurde zum Tribunal, Nervosität machte sich breit, vor allem bei den vier Fahrern, die zum Redakteursteam der Zeitschrift gehörten. Sportmediziner Dr. Georg Huber klebte Elektroden auf Brust und Rücken: Es war das erste Mal, dass bei solchen Geschwindigkeiten telemetrische Messungen über Pulsfrequenz, Blutdruck, Körpertemperatur und Schweißbildung von den Fahrern direkt in das Medizinerzelt auf einen Rechner übertragen wurden. Zur dauerhaften und exakten Kontrolle über den aktuellen Gesundheitszustand der Fahrer.

Die Fahrer: Peter Maierbacher, Suzuki-Technik-Experte, der Journalist Hennes Fischer, der selbst privat Rennen fuhr, Siggi Güttner, ehedem aktiver Rennfahrer und Daytona-Spezialist in seinen langen Berufsjahren in USA und Kalli Hufstadt, Journalist und PR-Mann. Güttner war mit 43 Jahren der Senior im Quartett. Aber auch der mit der meisten Erfahrung.

Nach kurzen Vorbereitungen wich die Nervosität, Spannung und Konzentration aber stiegen an. In den frühen Morgenstunden, bei kühler, sauerstoffreicher Luft, dann der erste Versuch über 10 Kilometer. Hufstadt war ausgewählt. Bis 8.500 Touren dreht der Motor und Hufstadt fand schnell seine optimale Haltung. Kaum war er am Horizont des Betonovals verschwunden, tauchte er aus der Gegenrichtung wieder auf: Weltrekord mit unglaublichen 248,7 km/h. Stolz und Erleichterung allenthalben. Den Versuch über 100 Kilometer ging nun der Jüngste im Kleeblatt an: Hennes Fischer. In 24 Minuten hatte er die Strecke im Oval gemeistert und den 2. Weltrekord pulverisiert: 247,7 km/h warfen die Stoppuhren der beiden vereidigten Zeitmesser aus. Schlag auf Schlag ging es weiter. Der Einstunden-Weltrekord wurde dann von Güttner und Maierbacher im Wechsel fast schon routinemäßig pulverisiert: 246,6 km/h signalisierten die Lichtschranken, obwohl beim Fahrer- und Reifenwechsel satte 25 Sekunden vergangen waren. Beim ersten Versuch dann, den 1.000 Kilometer und 6-Stunden-Weltrekord, quasi in "einem Aufwasch" einzufahren, platzt ausgerechnet dem versiertesten der vier Fahrer, Siggi Güttner nach knapp über 4 Stunden der Motor. Kolbenstecker, Abriss des Pleuels, das sich via Gehäuse und Ölwanne nach unten verabschiedet. Güttner: "Ich konnte von unten voll in die Brennräume schauen." Siggi bringt das nunmehr antriebslose Gerät mit endlos langem Auslauf zum Stehen, wird mit einem Fahrzeug der Streckensicherung heil bei der Crew abgeliefert. Ende des Tages, die Dämmerung zieht auf. Aber: die Zeitmesser sind begeistert: der 1.000 Kilometer-Weltrekord war kurz vorher gefallen, mit unfassbaren 233,25 km/h. Das bedeutet nichts Geringeres als dass 4 Weltrekorde innerhalb 24 Stunden eingefahren wurden.

Text: CineMot/Frank Nüssel
Fotos: Wolfgang Drehsen

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