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Charlys PS-Geflüster

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

wenn bei offiziellen Anlässen von Jubiläen die Rede ist, dann geht es meist darum, ein bestimmtes Produkt zu würdigen, das in der Regel vor einer gewissen Anzahl von Dekaden zum ersten Mal entweder erbaut oder für den Straßenverkehr zugelassen worden ist. Nun ist im Laufe der Jahre und Jahrzehnte die Anzahl der Modellvarianten und der verschiedenen Segmente immer größer und mittlerweile fast unüberschaubar geworden. Da fällt es schon schwer, wenn wieder einmal auf den Start des Produktionsdatums eines Fahrzeugs vor einer runden Anzahl von Jahren hingewiesen wurde. Vor allem dann, wenn dessen Bedeutung und Eigenheiten für die Entwicklung nachfolgender Generationen von besonderer Bedeutung waren. Und doch gibt es die ganz wenigen Automobile, die sich auch im Gedächtnis und im Bewusstsein von Menschen ihren Platz gesichert haben, die ansonsten eine eher zurückhaltende Beziehung zum Automobil pflegen. Schnell ist dann der Begriff der „Legende“ oder des „Kultautos“ geprägt und gefallen. Wenn aber ein Fahrzeug nicht nur unter seinem offiziellen Namen, sondern unter seinem Synonym sich für Jahrzehnte im Hirnkasten der Leute niedergelassen hat, dann soll mir das heute an dieser Stelle ein paar persönliche Zeilen wert sein.

Auf der weltgrößten Automobil- und Klassikermesse, der noch bis am Sonntag andauernden „Techno Classica“ in Essen, gab und gibt es eine Sonderschau zum 70. Geburtstag des Citroen 2CV, der unter dem kurzen und prägnanten Begriff der „Ente“ seinen Siegeszug durch die Geschichte des Automobilbaus angetreten hat. Nur ganz wenigen Fahrzeugen ist es vergönnt, über ihr eigenes Dasein, ihre geschichtliche Entwicklung hinweg, so etwas wie Zeitgeist, gesellschaftliche und politische Gegebenheiten, zu verkörpern. Die „Ente“, einst von oberster Stelle als Volksauto, eine Art französischer VW, eingefordert, war so eine „surprise francaise“: „Entwerfen Sie ein Auto, das Platz für zwei Bauern in Stiefeln und einen Zentner Kartoffeln oder ein Fass Wein bietet, mindestens 60 km/h schnell ist und nur drei Liter auf 100 km verbraucht“, waren kurz nach dem Krieg die Vorgaben an den Citroen-Konstrukteur André Lefèbvre gewesen.

Heraus kam dabei ein Fahrzeug, das einst für das sogenannte Proletariat entworfen und gebaut, in den 1960er und 1970er Jahren aber auch zum Symbol und standesgemäßen Fortbewegungsmittel der Studentenbewegung wurde. Einer meiner Klassenkollegen auf dem heimischen Gymnasium legte sich nach dem Abi eine „Ente“ zu. Zwar auch aus pragmatischen und finanziell nachvollziehbaren Gründen, aber auch, weil man mit diesem kleinen französischen Auto den Wunsch nach ein wenig anders sein und anders denken optisch transportieren konnte. Die Masse fuhr Käfer, die Avantgarde dagegen 2CV.

Dass auch ein solches Auto seine Mucken und Macken hatte: wer wollt es ihm damals nicht verzeihen: Die kleinen Unzulänglichkeiten der ungewöhnlichen Erscheinung auf vier Rädern gehörten fast schon zum hofierten Statussymbol. Vor allem aber: Das Konzept der einfachen Karosserie auf einem Kastenrahmen machte das Auto erschwinglich. Wozu auch der zu Beginn seines Lebens gerade einmal neun PS entwickelnde 375-Kubikzentimeter-Boxermotor beitrug.

Viele persönliche Begebenheiten mit und in der „Ente“ tauchten in meiner Erinnerung noch einmal auf, als ich mir in dieser Woche die besagte Ausstellung in Halle 2 der Techno Classica ansah. Alleine deswegen hatte sich die Fahrt nach Essen (fast) schon gelohnt.

Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende
Ihr Jürgen C. Braun

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