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Winterdienst 4.0: Von der Schippe zur Digitaltechnik

 

Dr. Horst Hanke gilt in Deutschland als der Experte in Sachen Winterdienst schlechthin. Mit dem Direktor des Landesbetriebs für Straßenbau und dem Leiter der Straßenmeisterei am Erbeskopf, der höchsten Erhebung in Rheinland-Pfalz, engagieren sich zwei über Jahrzehnte hinweg erfahrene Spezialisten in Sachen Umweltschutz und Digitalisierung beim Winterdienst gleichzeitig. Denn neue Techniken haben Vorsorge und Prävention, aber auch aktuelle Einsatztätigkeiten in den vergangenen Jahren erheblich verändert, wie unsere Winterdienst-Reportage im neuen Nationalpark Hochwald zeigt.

„So viel wie nötig, so wenig wie möglich“ – Winterdienst und damit das Streuen von Salzen und Lösungen sind eine knifflige Angelegenheit. Ökonomisch wie ökologisch. Deshalb macht die verwendete Technik ständig Fortschritte. Einer der bundesweit anerkanntesten Experten auf diesem Gebiet, der Bauingenieur Dr. Horst Hanke (Saarbrücken), hat vor kurzem bei einem Seminar des Verbandes der Kali- und Salzindustrie (VKS) neue Winterdienst-Techniken vorgestellt. Was aber von dieser schönen Theorie ist in der Praxis umsetzbar? Was scheitert an lokalen Gegebenheiten oder am Personal- und Sachstand? Bei einer Dienstfahrt mit den zuständigen Fachleuten am Erbeskopf haben wir uns ein Bild davon gemacht.

Einer, der es wissen muss, ist Arnold Eiden. Seit 1981 arbeitet er beim Landesbetrieb Mobilität (LBM) in der Region. Der Bauingenieur ist Leiter von gleich drei Straßenmeistereien an der westlichen Peripherie der Republik. Ein Einsatzbereich, der ihn mit sehr unterschiedlichen Witterungen und Anforderungen konfrontiert. „Wenn es im Saargau schon vorfrühlingshaft ist, können wir in derselben Stunde auf dem Erbeskopf heftigen Schneefall bei Minustemperaturen haben“, sagt Eiden. 20 Mitarbeiter pro Straßenmeisterei sorgen im Schichtbetrieb dafür, „dass wir spätestens um 6 Uhr alles geräumt und gestreut haben.“ Da beginnt der Arbeitstag auch schon mal nachts um zwei. Dann wird bei Kontrollfahrten prophylaktisch dort gestreut, wo der Wetterdienst Schnee und Eis ankündigt.

Die Tour beginnt im Luftkurort Thalfang. Auf den Strecken auf 800 Metern Höhe am Erbeskopf liegt eine feste Schneedecke. „Winterdienst ist auch Erfahrungssache und Fingerspitzengefühl, verbunden mit Einsatz- und Leistungsbereitschaft“, sagt Eiden. Entscheidend für den Erfolg sei die Wahl der richtigen Zusammensetzung von Salz und Lösung (Sole) oder auch von reiner Flüssigstreuung. In der Regel wird das sogenannte „FS 30“ angewandt. Das ist eine Mischung von 70 Prozent Salz und 30 Prozent Sole. Das Mischungsverhältnis sorgt dafür, dass der Wind weniger Streumaterial von der Straße weht, weil es besser daran haftet. In den drei Straßenmeistereien Saarburg, Hermeskeil und Thalfang lagern laut Eiden derzeit 6.300 Tonnen Salz und 400 000 Liter Sole.

Mittlerweile, sagt Horst Hanke, dem der Ruf eines „Winterdienst-Gurus“ vorauseilt, „tut sich einiges in der Entwicklung der Streutechnik und der Suche nach dem optimalen Kompromiss.“ Eine dieser Lösungen ist der „Kombi-Streuer“, der an einem Streugerät sowohl einen Streuteller als auch Sprühdüsen installiert hat. So kann wahlweise Feuchtsalz oder Salzlösung (Sole) verteilt werden. „Unsere Einsatzgeräte haben in der Regel eine Lebensdauer von etwa zwölf Jahren“, sagt Straßenmeisterei-Chef Eiden. Er hoffe, dass er im nächsten Jahr einen Kombi-Streuer bekomme. „Das wäre eine große Erleichterung.“ Die Kosten schätzt Eiden auf etwa 40.000 Euro.

Das Problem seien aber nicht nur höhere Kosten, sondern auch das beschränkte Ladevolumen, erklärt Eiden, während das Räumfahrzeug an den beiden Hochwalddörfern Züsch und Neuhütten vorbei in Richtung Damflos fährt: „Je nachdem, wie das Streugut ausgebracht wird, bleibt immer ein Teil der Ladefläche ungenutzt.“ Inzwischen, sagt Winterdienst-Experte Hanke, habe die Industrie darauf mit einem sogenannten Flexi-Streuer reagiert. Mit dessen Hilfe kann man durch schnelle Umrüstung das Ladevolumen doppelt nutzen. Dies bringe allerdings wiederum Mehraufwand und Mehrkosten mit sich.

„Die beste neue Technik ist nur so gut wie die Menschen, die sie bedienen“, betont Eiden. Das Ziel sei stets, dass der Verkehr im Winter optimal und sicher fließt und die Umwelt dabei möglichst wenig belastet werde. Letzteres vor allem auf den Bundes-, Landes- und Kreisstraßen im Hunsrück und im neuen Nationalpark Hunsrück-Hochwald. Denn auch zur Minimierung ökologischer Folgen entwickle sich die Streutechnik regelmäßig weiter. Eidens Maxime: „Was der Fahrer vorn an seinem Monitor einstellt, das soll auch hinten so rauskommen.“ Ständig werde deshalb die Dosiergenauigkeit verbessert. Und: „Wir streuen asymmetrisch. Das heißt, dass auf der rechten Seite zum Fahrbahnrand hin weniger gestreut wird als zur Straßenmitte hin.“ Das Streugut kommt also dorthin, wo es hinkommen soll und versickert nicht im Waldboden und damit im Grundwasser.

Bevor es zurück zum Bauhof in Thalfang geht, erinnert sich Eiden an frühere Methoden. „Die Großväter unserer Mitarbeiter haben Salz und Splitt noch mit der Schippe vom Lkw auf die Straße geworfen.“ Erst Ende der 1930er Jahre sei der Streuteller erfunden worden und damit die Basis für maschinellen Winterdienst. „Heute geht ohne digitale Technik nichts.“

Text und Fotos: Jürgen C. Braun

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