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Unterwegs: Reinhard Mey zum 75.

 

"Unterwegs, irgendwo, zwischen Zürich und zu Haus, Bratwurst, Cola, Ketchup, Koffer rein und Koffer raus, Jede Bühne zwischen Klagenfurt und Norderney, Wie auf ‘ner Galeere, aber glücklich und frei dabei."

Die Mühen, aber vor allem die Freude an seiner Arbeit hat er mit diesem Refrain schon vor Jahrzehnten beschrieben. Seine Texte sind nicht nur vielfach "geflügelte Worte" geworden, sie finden sich sogar in Schulbüchern. "Seine späte Rache" hat er das bei einem Konzert einmal augenzwinkernd genannt - bekennend, ein lausiger Schüler gewesen zu sein.

Aus dem ehemals lausigen Schüler wurde der vielleicht bekannteste Chansonnier Deutschlands: Zu Reinhard Meys 75. Geburtstag am 21. Dezember 2017 lesen Sie deshalb an dieser Stelle statt eines CD-Tipps eine Würdigung.

Seine Lieder sind nicht nur erkennbar vom französischen Chanson beeinflusst, er selbst war als Fréderik Mey im Nachbarland erfolgreich. Vielleicht waren es seine Beobachtungen des ganz Alltäglichen, die ihn so erfolgreich machten: "Ankomme Freitag, den 13." etwa, die Hektik des im Haushalt unterfahrenen Mannes beschreibend, um der Dame des Herzens eine nicht allzu chaotische Wohnung zu präsentieren, die per Telegramm ihre Rückkehr ankündigte. Klischee? Ein wenig, sicher, aber oft auch schlichte Wahrheit. "Bei Ilse und Willi auf'm Land", das innere Kontrastprogramm von einem, der gerade auf unbestimmte Zeit im Stau steht, und wer mag das schon gern..."Zeugnistag", die Verzweiflung des schlechten Schülers, dessen Zeugnis schlimmer ausfällt als gedacht (siehe oben), der dann die Unterschrift der Eltern fälscht, als Fälscher von einem machtgierig-sadistischen Direx entlarvt - und dann von den Eltern nonchalant aus der Misere geholt. Autobiographisch, wie so viele seiner Lieder.

Von seinen Weggefährten, die sich dem politischen Lied widmeten, hat er sich mit seinen Texten schon früh entfernt. Aber: Mit dem fast gleichaltrigen Hannes Wader ist er bis heute sehr gut befreundet. Mey hat Wader schon früh in der "Trilogie auf Frau Pohl" eine Würdigung zukommen lassen, Wader sich Jahrzehnte später mit einem Vers in "Schön ist die Jugend" revanchiert. Und die gemeinsamen Aufnahmen von "Mey, Wecker, Wader" (natürlich Konstantin Wecker) sind ebenfalls längst Klassiker.

Sein schon früher kommerzieller Erfolg, seine Miniaturen um den nicht immer so harmlosen Alltag - das hat auch harsche Kritik nach sich gezogen. Belanglosigkeit wurde ihm bescheinigt, eine Art Anbiederung ans Publikum - wer so argumentiert, blendet freilich wichtige Lieder aus: "Du hast mir schon Fragen gestellt" etwa, in dem er einem Kind zu erklären versucht, was "Tod" bedeutet. Damit hat er selbst die wohl schmerzlichste Erfahrung eines Vaters gemacht, als sein jüngerer Sohn nach längerer Krankheit verstarb. Oder: "Was in der Zeitung steht" - eine leise und eindringliche Warnung davor, was eine Falschmeldung anrichten kann. Leise ist er, ja, ein Leisetreter bestimmt nicht.

"50. Was, jetzt schon?" hat er 1992 selbstironisch gefragt. Wirklich erstaunt könnte man heute fragen: "75. Echt jetzt?" Ja, echt jetzt. Zur Ruhe gesetzt hat er sich aber keineswegs. 2017 tourte er mit seiner aktuellen CD "Mr. Lee" durch Deutschland, 2018 geht's weiter in Österreich. Und der nächste Silberling wird nicht allzu lange auf sich warten lassen. Gut so!

Foto: Jim Rakete

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