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Zwischen „Müll“ und Lächerlichkeit: Die Formel 1 und der neue Quali-Modus

 

Ein Mercedes-Doppelsieg, ein Ferrari mit dem vierfachen Weltmeister Sebastian Vettel im Cockpit auf Rang drei und der Rest der Konkurrenz in respektvollem Abstand. Fast hätte man den Auftakt der neuen Formel-1-Saison nach dem Großen Preis von Australien in Melbourne unter dem Stichwort „Business as Usual“ an diesem Wochenende abhandeln können.

Wären da nicht ein paar neue Ideen des allmächtigen Formel-1-Bosses Bernie Ecclestone und demzufolge eine neues Qualifikationssystem als schwer verdaubare Appetithappen gewesen. Es war der verzweifelte Versuch, die auch in diesem Jahr scheinbar unabwendbare Dominanz der „Silberpfeile“ zu brechen, für dessen Umsetzung deren Sportchef Toto Wolff aber nur ein einziges Wort übrig hatte: „Müll“.

Nichts ist bedrohlicher und am Ende wohl auch tödlicher für eine exzessive Show als Langeweile. Wenn sich niemand mehr für ein Produkt interessiert, lässt es sich auch schwer, oder irgendwann auch gar nicht mehr verkaufen. Dieser Handelslogik eingedenk, hat sich Bernie Ecclestone zu Verrenkungen im Qualifikationssystem entschlossen, die nichts anderes im Sinn hatten, als neue Spannung und wenigstens auch ab und zu neue Sieger zu kreieren. In Melbourne stieß der große Zampano dabei aber sehr rasch auf größtmöglichen Widerstand aller Beteiligten.

Und so kam es, wie es kommen musste: Bereits am Sonntag entschieden nach dem ersten Rennen des Jahres 2016 die Teammanager der Formel-1-Rennställe auf dem fünften Kontinent, die Regeländerung des neuen Qualifikationsformates wieder zurückzunehmen. Also wird der manchmal nur schwer zu durchschauende und zu verstehende Formel-1-Zirkus zumindest für den Verlauf dieser Saison wieder zu seinen angestammten Wurzeln zurückkehren. Das hat zumindest einmal den Vorteil, dass diejenigen, die frühmorgens um kurz vor sechs Uhr am Sonntagmorgen ihre Nachtruhe für beendet erklären, sich im Reglement wieder ein bisschen als Experten fühlen dürfen.

Denn der ziemlich dilettantisch ausgearbeitete Versuch, künstlich neue Spannung im Fahrerfeld der Etablierten und der Hinterbänkler zu erzeugen, gab deren geistige Väter fast der Lächerlichkeit preis. Ziel war es gewesen, die Spannung bereits in der Qualifikation für die Startaufstellung auf künstlichem Wege zu steigern und dadurch auch für die so lange vermissten Überraschungen zu sorgen. Heraus gekommen ist dabei allerdings nur ein vogelwildes Chaos. Denn der Modus, bereits nach wenigen Minuten in jedem Durchgang den Langsamsten innerhalb von jeweils 90 Sekunden aus dem Rennen zu nehmen, war für niemanden verständlich und nicht dafür geeignet, den Überblick zu behalten. Selbst die größten Strategen in den Boxen bekamen dabei die sprichwörtlichen grauen Haare.

Das, was wir am ersten Formel-1-Wochenende in Australien erlebt haben, ist in seiner Zielsetzung so neu eigentlich nicht. Nur die Herangehensweise ist reichlich dilettantisch. Denn es geht im Prinzip um nichts anderes als darum, Seriensieger an ihrem für das Format schädlichen erfolgreichen Tun zu hindern. Das war so zu Zeiten der späten Schumacher-Ferrari-Ära, das war auch so, als Sebastian Vettel und Red Bull den Rest des Feldes zu Statisten degradierten. Das Einzige, was der Formel 1 in möglichst rascher Form helfen könnte, wären Siege von Ferrari und ein daraus resultierendes Duell auf Augenhöhe zweier Konkurrenten.

Und das bitte ohne krampfhafte Änderung des Regelverhaltens, die Bonus und Malus unter ungleichen Voraussetzungen verteilt. Denn das ist, um es erneut mit Toto Wolff zu sagen, nur eines: „Müll“.

Text: Jürgen C. Braun
Fotos: Teams.

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