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Saisonstart: Der Formel 1 gehen die Emotionen aus

 

Mit dem Großen Preis von Australien in Melbourne startet am Sonntag (6 Uhr MEZ auf RTL und Sky) die Formel-1-Saison 2016. Doch die Zeiten, als sich die Nation im „Schumi-Fieber“ oder im „Vettel-Rausch“ vor dem Fernseher versammelt hat, gehören der Vergangenheit an. Die Realität ist längst eine andere geworden. Das sehen auch viele Betroffene so und machen sich Gedanken, wie die sogenannte Königsklasse des Motorsports in Zukunft aussehen könnte.

Sinkende Einschaltquoten am Fernseher, weniger Besucher an den Rennstrecken, weiter drohende Langeweile angesichts vorhersehbarer Ereignisse und Ergebnisse: Wenn am Wochenende am anderen Ende der Welt das erste von 21 Rennen über die Bühne geht, startet die Formel 1 in ihre mittlerweile 67. Saison. Selten waren Skepsis über Ausrichtung, Neupositionierung und Zukunft der Rennserie so groß wie in diesem Jahr.

Angesichts dieser Problematik machen auch viele sportbegeisterte Zeitgenossen keinen Hehl daraus: „Auch bei mir hat das Interesse an der Formel 1 nachgelassen“, sagt beispielsweise der Eifeler Motorsportler und exzellente Nürburgring-Kenner Thomas Mutsch. Der 36-Jährige, der seit dem vergangenen Jahr für das Projekt „Glickenhaus“ des amerikanischen Motorsport- und Kunstmäzens in der Langstreckenszene unterwegs ist, war im Jahr 2010 Vizeweltmeister in der FIA GT1-Serie. Gemeinsam damals mit dem Formel-1-Pilot Romain Grosjean.

Mutsch führt das aber nur zum Teil, und nicht ausschließlich, auf die Umstände zurück, unter denen derzeit die Championate zwischen Mercedes und Marussia ermittelt werden. „Es ist auch der Gang der Zeit. Die rasend schnelle Entwicklung mit Internet, sozialen Medien, permanenter Kommunikation hat zu einer Änderung des Verhaltens und der Erwartung geführt. Die Formel 1 führt heute keine Familien mehr vor dem Fernseher zusammen.“

Dass sich dennoch alle an der Serie und dem daran hängenden Milliardengeschäft etwas einfallen lassen müssen, um das Spektakel möglichst rasch und auf lange Sicht attraktiver zu machen, bekräftigt auch Ex-Weltmeister Fernando Alonso: „Man hat uns den Spaß am Fahren genommen mit diesen Dingern“, äußerte sich der Spanier, der jetzt in Diensten von McLaren-Honda steht, nach den Testfahrten von Barcelona Ende Februar.“ Das Konzept der FIA, die Formel 1 mit hybriden Motoren und „eingebremstem Schaum“ in Sachen Optik und Akustik wieder etwas näher an die Serie zu bringen und damit volksnäher zu machen, ist offensichtlich fehl geschlagen.

Mutsch führt zudem weiter aus: „Das ist ja kein rein deutsches Problem, dass das Interesse zurück geht. Viele Traditionskurse, auf denen die Formel 1 wie selbstverständlich über Jahrzehnte zu Gast war, weichen den neuen Retortenstrecken, die irgendwo aus dem Boden gestampft werden.“ Den Leuten, so glaubt er, fehle dadurch auch ein Stück weit der persönliche Bezug, die Erfahrungswerte zu den Austragungsorten. „Die Formel 1 berührt nicht mehr, sie setzt keine Emotionen mehr frei.“

Hinzu komme das modifizierte Regelwerk: Also die „abgespeckten“, leiseren und langsameren Fahrzeuge sowie die Tatsache, dass die Rennen immer häufiger am Kommandostand als auf der Rennstrecke entschieden würden. „Weniger die Taktik, das Können und die Rennintelligenz des Fahrers, als vielmehr das Zusammenwirken der Parameter der Teamarbeit machen die Platzierung aus.“ Es seit gut und richtig, dass die Autos immer sicherer und crashfester geworden seien, aber es fehle auch ein Stück weit „der Nervenkitzel der direkten Auseinandersetzung auf der Strecke.“

Dieses technische Vorgabegerüst mit hybriden Motoren, Energierückgewinnung (KERS), verschiedenen Flügeleinstellungen, so die Meinung viele Insider, macht es für den Zuschauer nicht leichter, einen Rennverlauf zu verfolgen und zu verstehen. Auch Alonso hat gegenüber einer spanischen Sportzeitung bemängelt: „Fahrerduelle, die aus eigener Kraft und Entscheidungen des Piloten heraus entschieden werden, haben Seltenheitswert.“ Hinzu komme die Tatsache, dass die Turbomotoren weniger Sound generierten und die Optik der Fahrzeuge viel von ihrer Wucht und Dynamik verloren hätten. „Wenn ich zu meiner Jugendzeit einen Senna oder einen Prost gehört und gesehen habe, dann ging das unter die Haut!“

Muss die Formel 1 sich also neu erfinden, um auf Dauer überleben zu können? Offensichtlich hat man bei den handelnden Personen die Zeichen der Zeit erkannt, wenn schon der allgewaltige Bernie Ecclestone freimütig erklärt: „Ich würde mein Geld nicht ausgeben, um mit meiner Familie ein Formel-1-Rennen anzusehen.“ Der 85-Jährige kritisiert vor allem die Vorhersehbarkeit der Rennausgänge. Deswegen hat er sich mit dem „inner circle“ der Formel 1 getroffen. Das für 2017 ins Auge gefasste neue Regelwerk, das die sogenannte „Strategiegruppe“ der Formel 1 vor ein paar Wochen vorgeschlagen hat, könne ein Schritt in die richtige Richtung sein.

Das Gremium, bestehend Bernie Ecclestone (85), FIA-Boss Jean Todt (69) sowie Vertretern von Mercedes, Ferrari, McLaren, Williams und Force India, hat dazu folgende Optionen ins Spiel gebracht: Das seit 2010 verbotene Nachtanken soll wieder eingeführt werden und für mehr Spannung sorgen. Gespart werden soll am Grundgewicht der Fahrzeuge, das könne diese „um fünf bis sechs Sekunden schneller pro Runde“ machen. Die Topteams plädieren zudem für lautere Motoren und aggressiveres Design der Boliden.

Text: Jürgen C. Braun
Fotos: Hersteller, Teams

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