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Tradition: 110 Jahre Rolls Royce

 

Sie ist das älteste automobile Markenzeichen für Majestäten, Aristokraten und Geldadel. Die berühmte Kühlerfigur „Spirit of Ecstasy“ krönt seit 1911 schwebend leicht mit ausgebreiteten Armen den Kühlergrill fast aller Rolls-Royce. Eine vom Künstler Charles Sykes kreierte Skulptur, die die technische Vollendung der Luxusfahrzeuge symbolisiert, aber auch für Tempo steht. Weshalb sie ursprünglich „Spirit of Speed“ genannt wurde. Immerhin stellte Rolls-Royce gleich nach seiner offiziellen Gründung im Jahr 1906 den legendären Typ 40/50 „Silver Ghost“ vor, der als weltweit erstes Repräsentationsfahrzeug durch Rekordfahrten Geschichte schrieb.

Nicht zu vergessen die seit 1914 gebauten Rolls-Royce-Flugmotoren, die als erste Antriebsaggregate in der Luft, auf dem Land und auch auf dem Wasser Geschwindigkeitsrekorde aufstellten. Erfolge, die das Resultat eines Mittagessens vom Mai 1904 in Manchester waren. Dort traf der aufstrebende Ingenieur Frederick Henry Royce den Aristokraten und Luxusfahrzeughändler Charles Stewart Rolls. Rolls war begeistert von der ersten Royce-Konstruktion, die von beiden als Typ 10 HP noch im selben Jahr vermarktet wurde. Den weltweiten Durchbruch brachte schon der Silver Ghost, als offizieller Hoflieferant des britischen Königshauses wurde Rolls-Royce aber erst 1955 anerkannt. Zum Volumenmodell wurde 1965 der Silver Shadow, aber auch er konnte keine wirtschaftliche Stabilität garantieren. Pleiten, Pech und Pannen gehören zur Rolls-Royce-Chronik ebenso wie Überraschungen – so die 2003 erfolgte Übernahme durch BMW.

Zwar zählen Sensationen zur Historie aller großen Marken, dennoch kann Rolls-Royce hier Superlative setzen. So wie es wohl für ein Unternehmen angemessen ist, das selbstgefällig schon für sein allererstes Auto warb mit: “the best car in the world“. Aber vielleicht wollte F. H. Royce als Entwickler dieses angeblich besten aller Autos nur eine Nostradamus-Prophezeiung wahrmachen. Der französische Seher wahrsagte nämlich schon 1548, dass England dereinst das großartigste und leiseste aller Fahrzeuge hervorbringen würde mit dem Wappen von „Rolles De Roi“. Tatsächlich war der Engländer F. H. Royce, der sich vom Zeitungsverkäufer zum Ingenieur mit eigenem Unternehmen für Elektrowaren emporgearbeitet hatte, mit seinem französischen Automobil vom Typ Decauville so unzufrieden, dass er 1904 einen eigenen Motorwagen baute. Ein ruhig laufender Zweizylinder, der bereits die allererste Probefahrt über 24 Kilometer ohne jedes Problem absolvierte, was damals außergewöhnlich war. Womit aber wohl selbst Royce nicht rechnete: Ein Typ 10 HP von 1904 ist bis heute im Alltagseinsatz!

Was jetzt noch fehlte, war ein Vertriebsspezialist mit Beziehungen zur kaufkräftigen High Society. Dafür war C. S. Rolls der ideale Partner, hatte der Sohn von Lord und Lady Llangatock doch Maschinenbau studiert, dann einen Automobilhandel in London eröffnet und ebenfalls negative Erfahrungen mit Importmodellen gemacht. Zudem war Rolls offen gegenüber allen Herausforderungen mit Motoren und Maschinen. Sei es ein Geschwindigkeitsrekord für Automobile, aber auch 1910 ein Rekordflug über den Ärmelkanal. Ein Wagemut, der ihn kurz danach bei einer Flugshow das Leben kostete, als erstes Todesopfer der britischen Luftfahrt. Im Jahr 1904 jedoch ergaben die gemeinsamen Interessen von Rolls und Royce die beste Basis für eine Prestigemarke, die alle Produkte mit dem Anspruch der Perfektion baute. Wobei Rolls die von ihm angeregte Flugmotorenfertigung zwar nicht mehr erlebte, sein Partner und späterer Freund Royce das Unternehmen aber in seinem Sinne fortentwickelte.

Zwar saß Royce selbst nie in einem Flugzeug, dennoch machte er den Flugmotorenbau zum wichtigsten Geschäftsfeld. Vom ersten Transatlantikflieger Vickers Vimy über die Spitfire und die Concorde bis zum aktuellen Airbus A380 ist Rolls-Royce Triebwerkslieferant. Tatsächlich trug in den 1930er Jahren der Autobau nur noch sechs Prozent zum Unternehmensgewinn bei. Andererseits waren es später die immensen Entwicklungskosten für Düsentriebwerke, die Rolls-Royce 1971 vorübergehend in die Verstaatlichung führten und die Abspaltung der Autoabteilung Rolls-Royce Motors bewirkten.

Um die Finanzen des Autogeschäfts war es bei Rolls-Royce allerdings ebenfalls lange schlecht bestellt. So wurden die Luxusmodelle ohne Rücksicht auf Kosten entwickelt und gebaut, allein um dem Credo des „besten Wagens der Welt“ zu genügen. Was die Käufer riesiger Chauffeur-Limousinen wie Phantom (ab 1925) freilich ebenso goutierten wie die sogenannten Gentleman-Fahrer von Modellen wie 20 HP (ab 1922), Wraith (ab 1938) oder Silver Cloud (ab 1955). Mochten manche Marken aus Deutschland, Frankreich und USA den (Neu)-Reichen und Schönen zwar mehr Zylinder und ausladender designte Karosserien mit Art-Deco-Elementen bieten, stilvolleres und zuverlässigeres Fahren als mit einem Rolls-Royce fand sich nirgendwo. Wobei sich Rolls-Royce übrigens bis 1949 ausschließlich als Fahrgestelllieferant betätigte und die Karosseriefertigung unabhängigen Coachbuilders überließ. Erst der Silver Dawn wurde als Komplettfahrzeug von Rolls-Royce geliefert – nachdem eine Bentley-Limousine den Anfang gemacht hatte.

Tatsächlich hatte Rolls-Royce den insolventen Rivalen Bentley bereits 1931 übernommen. Eine Allianz, die bis 2003 Bestand hatte und dann nach zähem Ringen von den deutschen Käufern der britischen automobilen Kronjuwelen gesprengt wurde. Rolls-Royce Automobile ist seitdem Bestandteil des BMW-Konzerns, Bentley und das langjährige Rolls-Royce-Werk Crewe zählen zum Volkswagen-Konzern. Während sich heutige Bentley wie Flying Spur und Mulsanne in jeder Hinsicht von Rolls-Royce Ghost oder Phantom differenzieren, war das früher anders. Oft waren Bentley lediglich Parallelmodelle mit anderem Grill, deutlich zu sehen bei Rolls-Royce Silver Shadow und Bentley T-Serie ab 1965.

Noch etwas unterscheidet die Bentley und Rolls-Royce des 21. Jahrhunderts grundlegend von ihren Vorfahren: Mit mächtigen Zwölfzylindern und bis zu 467 kW/635 PS Leistung beteiligen sich die edlen Engländer an einem globalen Wettrüsten. Noch die Käufer der 1955 lancierten Baureihen Rolls-Royce Silver Cloud und Bentley S-Serie mussten sich dagegen mit der vagen Leistungsangabe „genügend“ und sechs Zylindern zufrieden geben. Ein Prinzip des Understatements, das funktionierte und von Rolls-Royce nur selten durchbrochen wurde, etwa beim Phantom III, der 1936 mit V12-Motor vorfuhr. V8-Maschinen wurden erst in den 1960er Jahre Standard, als auch Mercedes (600) und Maserati (Quattroporte) um Käufer der Prestigeklasse kämpften.

Trotz Traditionspflege gibt es heute kaum einen Trend, dem sich Rolls-Royce verschließt. So fährt zum 110. Jubiläum das erste SUV in Sichtweite, auch um Bentleys Bentayga in die Schranken zu weisen. Zumal sich mit Jagdgesellschaften besetzte Rolls-Royce-Shooting-Brakes schon in den automobilen Pioniertagen durchs Dickicht wühlten, als an Bentley noch nicht zu denken war.

Text: Spot Press Services/Wolfram Nickel
Fotos: BMW/Rolls Royce/SP-X

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